16. Januar 2011

darf ich das...

eigentlich schreiben, das frage ich mich die ganze Zeit schon. Ich schreibe, weil es mich beschäftigt.



Nachtdienst

Das heißt von 20.30 - 6.30 zu arbeiten. Ich mache wirklich nicht oft und regelmäßig Nachdienst, denn ich arbeite nur in Teilzeit. Aber ich mache relativ gerne Nachtdienste, weil ich eine richtige Nachteule bin und weil dann alles irgendwie anders ist angefangen von der Beleuchtung über die besondere Stimmung. Und ich kann nicht so gut 'Nein' sagen, wenn es darum geht für eine/n kranke/n Mitarbeiter/in einzuspringen

Ich komme also um 20.15 erwartungsvoll  zum Nachtdienst. Bestens gerüstet mit einer großen Portion Spinattortellini, einer Tafel Schokolade, einem Netz Orangen, einem 500g Glas Joghurt, einer Falsche Multivitaminsaft und einem halben Kuchen (nein, ich bleibe nicht 2 - 3 Tage). Ich muss erst mal über mich selbst lachen, als ich versuche all das im Kühlschrank unterzubringen. Na, ja die Kollegen freuen sich sicher.

Erwartungsvoll was diese Nacht so bringen wird, wird Kaffee Nummer 1 getrunken. Na, ja mit ruhiger Nacht hat das nichts zu tun, was uns da so erzählt wird. Kaum sind wir 'Nachteulen' alleine wird klar, dass eine meiner Patientinnen versterben wird. Schnell geistlichen Beistand und Angehörige verständigen und dann bin ich einfach für sie da. Ich halte ihr die alte Hand, weil sonst noch niemand da ist - am liebsten würde ich jetzt singen 'Von guten Mächten wunderbar geborgen' - erst traue ich mich nicht recht (die Kollegen und so, irgendwie ist es ja schon ein bißchen peinlich ....) - dann traue ich mich doch, wenigstens ganz leise - nur für uns beide in den letzten Erdenminuten. Nun sind Pfarrerin und Angehörige da ...
Der nächste Notfall ist angekündigt, wir wissen nur, dass 'er' von außerhalb kommt - also ist mit allem zu rechnen. Zimmer, Beatmung und Monitoring sind zu richten...und bei meiner Patientin abzubauen
laufen, laufen, laufen
'Schwester können sie mal....' - Alarm geht an - Pfarrerin will Patientendaten - Angehörige bekommen Kaffee und Wasser und vor allem Zeit für den Abschied
laufen, laufen. laufen
Bett richten, inzwischen wissen wir es ist eine Wiederbelebung von außerhalb - Notfallmedikamente richten, 'Schwester kommen sie mal'
laufen, laufen, laufen
Planänderung wir übernehmen einen anderen Patienten - völlig anderes Krankheitsbild - alles neu richten (Mist) - im Vorbeigehen Kaffee Nummer 2 - Pflegerunde
laufen, laufen, laufen
Zugang kommt - umbetten, ankabeln, Plan richten, Medikamente anhängen - diverse Zu- und Ableitungen legen bzw dabei assistieren
laufen, laufen, laufen
schnelle Zigarette mit dem Doc im Treppenhaus - dabei Kaffee Nummer 3
große Pflegerunde - Kaffee kochen - meine Patientin mit dem wunderschönen Namen in die Pathologie verlegen (es gibt ein Geräusche das werde ich nie im Leben vergessen, ich möchte es nie, nie für meine Angehörigen hören - das Quietschen des Hubwagens)
10 Minuten Zeit bis zur nächsten Runde - Kaffee Nummer 4 und eine Orange
Pflege und Bilanzrunde - ohne Zwischenfälle - direkt ruhig - meine Gedanken kreisen - 'Schwester, Schwester ..........' (warum rufen Patienten eigentlich nur Schwester, habe ich doch auch 2 männliche Kollegen im Dienst dabei - Bruder wäre doch sicher mal was anderes) - ein Bett frisch zu machen - Durchfall und verwirrter Patient sind nicht kompatibel (bitte die innere Ruhe nicht verlieren, der Patient weiß nicht  was er tut - nach dem dritten Mal im Kopf vorsagen, ist es angekommen und wir können  miteinander scherzen)
laufen, laufen, laufen
Fahrt ins CT mit dem Neuankömmling - wieder alles abbauen, umbauen an mobile Geräte - Anruf aus dem CT - Untersuchung eine Stunde verschoben - Schxxxx
Zeit etwas zu essen (eine halbe Tafel Schokolade) und Kaffee Nummer 5 um 3.30, Durchhänger - ich bin supermüde - Fahrt ins CT dann wieder eine Pflegerunde
5.20 Kaffee Nummer 6 (keine Milch mehr da - ärgerlich) - noch 40 Minuten bis der Frühdienst kommt - 6.00 Übergabe ,  ungegessenes Essen wieder einpacken, umziehen , in fast frühlingshaftem Wetter eine Stunde nach Hause fahren - Bett ich komme - um 8.00 endlich - das Telefon klingelt (soll ich, oder nicht .... ich will) 8.30 endlich im Bett ......... warum kreisen nun die Gedanken, ich möchte doch schlafen - Telefon im Wohnzimmer unter den Kissen, was hält mich ab - die Gedanken kreisen weiter (um 9.00 letzter bewusster Blick auf den Wecker) - Haustürklingel im Unterbewusstsein (und in der Realität - es ist 11.00 - ich bekomme ein 'Erwachet' angeboten, dabei möchte ich doch endlich nur richtig schlafen) - ich falle ins Bett bis die Motte von der Schule kommt, aber an richtigen Schlaf ist nicht mehr zu denken - zu viel Kaffee- zu viele Gedanken ???

5 Kommentare:

  1. boar ....sehr heftig ...ich bin beim lesen die ganze Zeit mit dir mitgelaufen ....und ...ich hab auch mit dir gesungen ...sehr mutig von dir ....und sehr sehr schön!!!!

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  2. NATÜRLICH darfst du das schreiben....und nicht nur einmal...!!!!...die Umwelt bekommt viel zu wenig mit, WAS Pflegepersonal alles leisten MUSS!!!...ob Nacht oder Tagdienst...und wir alle sollten sehr ,sehr dankbar sein für Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten.
    Diese gehen nicht einfach einem "Job" nach...für fast alle ist dieser Beruf eine Berufung, der sie mit viel Herzblut nachgehen......

    DANKE Krümel :-*

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  3. ...ich wollte jetzt nicht nach Zustimmung fischen und auch nicht aufzeigen wie viel wir machmal 'laufen' - die Gegensätze sind es Sterben & Leben - Profanes, wie keine Milch im Kaffee & und die Versorgung eines Verstorbenen - Zwiespalt der Gefühle die fast alle Buchstaben des Alphabetes umfassen, angefangen von Angst, Freude, genervt sein, mitfühlen, trauern.....und immer wieder der Zwiespalt ist es genug Berufung, denn manchmal ist es einfach nur der Beruf und knallharte Routine - leider - darum kreisen die Gedanken manchmal so sehr
    C.

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  4. Liebe C., ich kenne das aus meinem Berufsleben. Man ist manchmal einfach fertig, aber dann kommt die Frage, ob man lieber einen anderen Beruf ausüben möchte. Darauf ein klares: "NEIN!"
    Du solltest das schreiben, was, wenn nicht das, was Dich bewegt? Das ist doch das Gute hier im Blog, daß man nicht immer nur witzig spritzig sein muß, sondern auch mal nachdenklich oder auch traurig sein darf.
    Ganz herzliche Grüße, die Christiane

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  5. Oh, wie ich dich bewundere ... Nein, das hat auch gar nichts mit um Zustimmung fischen zu tun. Es ist einfach liebenswert, wie Du Deine Aufgaben machst. Es würde auch ganz anders gehen, das weiss ich und Du ja auch.
    Das Du leise gesungen hast, nimmt der Patient ja mit in die andere Welt. So was nettes wünschte ich mir auch, wenn es so weit ist.
    Ich hab es erst vor kurzem erlebt, diesen Ruf: Herr Krankenschwester, ich brauch Hilfe. Da hab ich eine Tante in der Klink besucht und im Gang hat ein alter Herr das gerufen. Es kam ein Pfleger. Ich musste lächeln.
    Ich wünsche Dir eine schöne Woche. Wird das Hochwasser endlich wegfliessen?
    Elisabeth

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